Ueber Schoenheit +++ artistic work in progress

The diaries | Shanghai Diary | [1] [2] [3] [4]
Spacer

Shanghai Beauty 1
30.12.04
(Nach einer Woche Arbeit.)

Shanghai Mei Li heißt unser Titel auf Chinesisch.

Die Schönheit hier erschließt sich nicht immer auf den ersten Blick. Diese Jahreszeit ist auch in Shanghai eher GRAU und regnerisch. Oft durchbrechen die Spitzen der Hochhäuser die Wolkendecke. Auch die Menschen reagieren natürlich auf dieses GRAU, sind mehr in sich gekehrt, das Leben spielt sich nicht mehr so stark draußen ab. Allerdings ist dies nur äußerlich, es gibt hier nicht die Winterdepression. Das Leben wird nach innen verlagert, in die Wohnungen, in die Lokale. Dort herrscht die gleiche Quirligkeit wie zu anderen Jahreszeiten, man weiß hier, dass das Wetter sich wieder ändern wird, also keine bange. Abends wird die Stadt bunt. Shanghai ist eine Stadt der vielen Lichter. Scheinwerfer mit kräftigen Farben überziehen viele Gebäude, vor allem im Zentrum, mit grünen, blauen, weißen, roten Farben. Neonleuchten und Laserstrahlen zeichnen die unterschiedlichsten Ornamente an die Häuserfassaden und in den Winterhimmel. Es scheint fast wie ein Wettbewerb zu sein, wer hat die phantasievollste Lightshow, die bunteste Reklame. Die Chinesen lieben die kräftigen leuchtenden Farben.

Zwischen unserer ersten Arbeitsphase und der jetzigen liegen vier Monate. Wir treffen die gleichen 15 TänzerInnen wieder, und manche haben sich in dieser kurzen Zeit wahrnehmbar verändert, sind erwachsener geworden, auch schöner geworden im Sinne einer größeren Markanz des Körpers, des Gesichtes, des Ausdrucks.

Wir beginnen mit der Wiederholung von Tanzmaterial welches wir beim letzten Mal entwickelt hatten. Z.B. mehrere FUSSTäNZE auf schnelle, kurze Bach Fugen. Die Gruppe agiert wie ein Körper bei dem sich nur die Beine und Füße bewegen. Schnelle Beingesten, kleine Sprünge , Drehungen, Attitüden und das mit einem Höchstmaß an Präzision und Synchronizität. Das könnte sehr nach Ballett aussehen, tut es aber nicht, weil die Haltung der Tänzer völlig anders ist. Es könnte eine Schar von unbeschwerten Kindern sein, die Freude an dem Spiel mit den schnellen Beinen haben. Aber auch das ist es nicht unbedingt. Die Körper sind eben anders die Gesichter lachen dabei, es wird nichts extra in die Bewegungen hineininterpretiert es ist Energie, Geschwindigkeit, Freude an der Bewegung, ein kurzer Strudel. Vielleicht ist es so etwas wie "Bach Light".

Traditionelles Material:

Es gibt in China 56 kulturelle Minderheiten, alle besitzen auch eine unterschiedliche traditionelle Volkstanzästhetik. Wir haben schon bei früheren Arbeitsaufenthalten in China einige dieser Tänze kennengelernt. Es gibt viele faszinierende Bewegungen und Rhythmen. Hinter dem Wort Volkstanz verbirgt sich hier etwas komplexeres und virtuoseres als das was wir in unserem kulturellen Kontext mit diesem Wort assoziieren. Für uns gibt es eine direkte Verbindung zum Phänomen Schönheit, bezogen auf die Harmonie und Vollständigkeit einer Bewegung. Alle Teile des Körpers sind in einem genau bestimmten Verhältnis involviert.

Alle Tänzer haben in ihrer Ausbildung mehrere dieser Tänze erlernt. Es gibt unter ihnen einige Spezialisten, die sich besonders gut darin auskennen. Wir wollen aus diesem Fundus schöpfen. Es dauert etwas bevor die Tänzer aus ihrer Erinnerung Fragmente dieser Tänze ausgraben können. Vieles liegt schon Jahre zurück, es gibt nicht die typische Musikbegleitung und so entstehen kurze Bewegungssequenzen die aus den unterschiedlichsten Traditionen chinesischer Volkstanzkunst stammen. Wir sortieren das Material, stellen verschiedene Rhythmen zusammen, bilden neue Bewegungen, die übergänge schaffen zwischen den unterschiedlichen Teilen. Wir lassen die Frauen und die Männer jeweils als Gruppe alleine tanzen, es gibt keine Musik, allein die Rhythmen der Körper sollen die verschiedenen Bewegungsthemen wahrnehmbar, hörbar machen.
Für die Frauen entsteht ein fast stiller Tanz, in dem man die verschiedenen Tempi der Bewegungen, der Schrittkombinationen, die Wechsel der Dynamik sehen kann, durch die Luft erfassen kann. Wunderschöne dreidimensionale, erhabene, lebendige, aufregende Frauenkörper zeigen sich, auf subtile Weise erotisch. Nichts direktes, alles wird in vielen kleinen komplexen Bewegungen nur erahnbar, nur angedeutet. Dagegen agieren die Männer hörbar rhythmisch, mit Schritten und Kombinationen, die Hände Füße Beine Schultern Brustkorb benützen, um verschiedene Rhythmen zu erzeugen. Kraftvolle Sprünge und schnelle Bewegungen erzeugen einen Sog von purer Energie und Lebensfreude.

Beide Teile haben als gemeinsamen Nenner die pure Bewegung die keiner anderen Intention folgt, als aus der Bewegung heraus Harmonie, Spannung und ständige Abwechslung zu erzeugen. Jin Xing hat noch einen intensiveren Zugang zu dieser Tradition. Sie ist älter und hat ihre Tanzausbildung in einer Zeit absolviert, in der noch viel mehr Wert auf das genaue Erlernen von Volkstänzen gelegt wurde. Also greift sie immer wieder in den Prozess ein, korrigiert Körperhaltungen im Detail, klärt nicht ganz eindeutige rhythmische Muster.

Traditionell würde man die verschiedenen Bewegungsthemen niemals so verknüpfen, wie wir es getan haben. Für die Tänzer war dies ein spannender Prozeß. Sie sind jung und haben ein zwiespältiges Verhältnis zu diesen "alten Tänzen". Aus vielen Einzelteilen wieder ein anderes Gesamtes zu schaffen, hat ihnen sichtlich Spaß gemacht. Für uns sind zwei Teile des Stückes entstanden, die im traditionellen Kontext ansetzen, den Kern dieser Tanztradition aufnehmen. Kompositorisch aber sind wir auf zeitgenössische Weise damit umgegangen. nächster Tag »»

  Shanghai Beauty

Shanghai Beauty

Shanghai Beauty

Shanghai Beauty
Dieter Baumann, Jin Xing

© Dirk Bleicker

Spacer

Home | programme calendar